« Studie Schallschutz im Wohnungsbau »
Fachbereich Finanzwissenschaft und Infrastrukturpolitik (IFIP)
Department für Raumentwicklung, Infrastruktur- und
Umweltplanung der Technischen Universität Wien
Hon.-Prof. Judith Lang
SCHALLSCHUTZ IM WOHNUNGSBAU
Endbericht
Im Auftrag der
Saint-Gobain ISOVER Austria GmbH
Projektteam
Univ.-Prof. Mag. Dr. Wilfried Schönbäck (Projektleiter)
Hon.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Judith Lang
Projektass. Dipl.-Ing. Dr. Roger Pierrard
Wien, Juli 2006
Impressum:
Technische Universität Wien
Fachbereich Finanzwissenschaft und Infrastrukturpolitik
Department für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umweltplanung
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Judith Lang
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Zusammenfassung
Aus der Zusammenstellung der Ergebnisse von Umwelterhebungen in verschiedenen europäischen Ländern geht hervor, dass die zweithäufigste Quelle von Lärmstörungen nach dem die meisten Lärmstörungen verursachenden Straßenverkehrslärm die Nachbarn sind.
So war z. B. in Österreich in der in 3-Jahreabständen durchgeführten Befragung im Rahmen des Mikrozensus bis in die Mitte der 80-er Jahre nach dem Verkehrslärm der Nachbarlärm die zweithäufigst genannte Ursache der starken und sehr starken Lärmstörung; mit der Verbesserung vom Schallschutz im Wohnungsbau mit der strikten Beachtung der Normanforderungen im geförderten Wohnbau liegt der Lärm der Nachbarn nun etwa gleich mit dem Lärm von Betrieben und wird etwas übertroffen von „sonstigen Lärmquellen“ (z. B. Freizeit-einrichtungen). 2003 nannten 7,7 % der stark oder sehr stark durch Lärm gestörten den Lärm der Nachbarn als Ursache der Störung
In Deutschland wurde aus der Befragung über die erlebte Lärmbelästigung abgeleitet, dass 17,3 % durch den Lärm der Nachbarn mittel, stark oder äußerst durch Lärm belästigt sind. Unabdingbar also, für einen akkuraten Schallschutz.
Im Vereinigten Königreich wurde 1999/2000 eine detaillierte Befragung über die Einstellung der Bevölkerung zum Umgebungslärm durchgeführt. 84 % gaben an Straßenverkehrslärm zu hören, 81 % Lärm ihrer Nachbarn oder anderer Leute in der Nähe zu hören, 58 % die Nachbarn innerhalb ihrer Wohnung; 40 % gaben an durch den Straßenverkehrslärm, 37 % durch den Lärm der Nachbarn oder anderer Leute in der Nähe, gestört oder belästigt zu sein.
In Frankreich waren 2004 41,2 % der Haushalte durch Lärm gestört, 23,3% durch Verkehrslärm, 19,6 % durch Nachbarlärm.
In den Niederlanden wurde in einer Untersuchung gefunden, dass in etwa 75 % der Wohnungen Schall aus den Nachbarwohnungen gehört werden kann, in 40 % täglich. In ungefähr 1/3 aller Haushalte wird dieser Schall als störend empfunden, für 13 % stark störend.
In einer Untersuchung in den Plattenbauten in den Ländern Litauen, Slowakei und Ostdeutschland ergab sich, dass in den betrachteten Gebäuden 65 %, 40 % und 36 % sich über den Lärm beklagten, dessen Quelle vor allem Nachbarlärm (Reden, Musik, do it yourself- Aktivitäten, TV) waren.
Bei einer in der Schweiz durchgeführten Repräsentativbefragung bei der Bevölkerung über Lärmempfinden und Störung durch Lärm wurde auf die allgemeine Frage nach dem Stellenwert der Lärmproblematik in einer allgemeinen Sichtweise für die Schweiz und einer persönlichen Sichtweise auf einer Skala von 1 bis 6 (1 = betrifft überhaupt nicht, 6 = betrifft sehr stark) Straßenverkehrslärm am höchsten mit 4,2 aus allgemeiner Sichtweise und 3 aus persönlicher Sicht der einzelnen Befragten eingestuft, der Nachbarschaftslärm mit 2,5 und 2 deutlich geringer. Personen, die mit ihrem Zuhause nicht zufrieden sind, stufen die Umweltbelastung in der Schweiz durch den Nachbarschaftslärm deutlich höher (3,1) ein als mit ihrem Wohnheim zufriedene Personen (2,4).
Die Übersicht über die derzeit in den europäischen Ländern bestehenden Anforderungen an den Luft- und Trittschallschutz in Wohnhäusern nach Rasmussen zeigt, dass die für die Festlegung der Anforderungen festgelegten Größen unterschiedlich sind (Bau-Schalldämm-Maß, Norm-Schallpegeldifferenz, Standard-Schallpegeldifferenz ohne oder mit Spektrum-Anpassungswert für unterschiedliche Frequenzbereiche, Norm-Trittschallpegel, Standard-Trittschallpegel ohne oder mit Spektrum-Anpassungswert für unterschiedliche Frequenzbereiche) und die Unterschiede in den Anforderungen in den verschiedenen Ländern sehr groß sind und bis zu 10 dB betragen (ein Unterschied von 10 dB bedeutet etwa doppelte Lautheit des Geräusches).
Eine Berechnung, welche Schallpegel in der Nachbarwohnung je nach dem Schallschutz auftreten bei verschiedenen Aktivitäten (Unterhaltung von 6 Personen bei normaler Gesprächslautstärke und bei angeregter Unterhaltung mit Lachen und Musizieren mit einem einzelnen Instrument oder mit 6 Instrumenten) in Abhängigkeit vom Schallschutz zeigt, dass der in den Normen derzeit geforderte Schallschutz keinesfalls die Aktivitäten der Nachbarn unhörbar macht.
In mehreren europäischen Ländern wurden daher in den letzten Jahren neben den baugesetzlichen Mindestanforderungen an den Schallschutz auch Klassen für den erhöhten Schallschutz festgelegt; diese basieren für den Luftschallschutz überwiegend auf der Standard-Schallpegeldifferenz mit Spektrum-Anpassungswert DnT,w+C (auch DnT,A geschrieben); vielfach wird auf die Bedeutung des tieffrequenten Bereichs (C50-3150) hingewiesen und teilweise dieser Spektrum-Anpassungswert - insbesondere für die höheren Schallschutz-Klassen – für die Anforderung eingesetzt. In mehreren Ländern bestehen Angaben zu den Klassen, wie viele Personen sich durch den Lärm der Nachbarn gestört fühlen bzw. zufrieden sind mit dem Schallschutz.
Für den Trittschallschutz wird überwiegend der Norm-Trittschallpegel eingesetzt, zum Teil auch mit dem Spektrum-Anpassungswert CI, wobei auch hier – insbesondere für die höheren Klassen - der tieffrequente Bereich durch CI,50-2500 berücksichtigt wird. Auch für den Trittschallschutz bestehen mehrere Angaben über den Zusammenhang zwischen subjektiver Zufriedenheit mit dem Trittschallschutz und der Trittschallschutz-Anforderung.
Für den Luft- und Trittschallschutz innerhalb einer Wohnung (oder eines Einfamilienhauses) bestehen nur in einigen Ländern und nur in den höheren Schallschutz - Klassen Anforderungen.
In allen betrachteten Ländern erfolgt die Planung des Schallschutzes unter Zugrundelegung der EN 12354-1 und –2; in vielen Ländern bestehen Rechenprogramme zur Ermittlung des Schallschutzes bei der Planung und wurden Daten als Unterlagen für die Planung veröffentlicht. Prüfungen des Schallschutzes im fertigen Bauwerk sind teilweise für die Zuordnung zu den höheren Schallschutz - Klassen vorgesehen.
Die Entwicklung vom Schallschutz im Wohnungsbau in Österreich wird detailliert dargestellt und auf der Basis der Berechnungen über die Hörbarkeit von Wohnaktivitäten einerseits und den in den verschiedenen Ländern festgelegten Schallschutz-Klassen andererseits werden die nachfolgend dargestellten Anforderungen für den Luft- und Trittschallschutz für 4 Schallschutz - Klassen vorgeschlagen.
Auf der Basis von Mess- und Rechenergebnissen von dem Schallschutz in einer größeren Zahl von massiven Wohngebäuden in 2 österreichischen Bundesländern wird gezeigt, dass in einem größeren Prozentsatz bereits die Normanforderungen zum Teil weit überschritten werden und auch gezeigt, mit welchen Maßnahmen der Schallschutz erhöht werden kann.
Für den Nachweis des Schallschutzes in Holzkonstruktionen wird ein Beispiel eines Mehrfamilienhauses in Holzkonstruktion in Österreich dargestellt und auf die im Internet zur Verfügung stehende umfassende Datensammlung über den Schallschutz (und Wärmeschutz) von Holz- Wand- und Deckenbauarten hingewiesen. An einer Reihe von Holzwand- und Deckenbauarten aus einer deutschen Untersuchung wird der Einfluss verschiedener Details auf den Schallschutz gezeigt. Zwei niederländische Untersuchungen über die Möglichkeiten der Erhöhung des Schallschutzes in massiven Gebäuden und in Holzkonstruktionen werden kurz dargestellt.
Die Kosten, die ein verbesserter Schallschutz bewirkt, werden von unterschiedlichen Studien in einem Bereich von 1 % bis 7 % der gesamten Baukosten angegeben.
Eigene Berechnungen für ein Sample an Gebäuden in Massivbauweise aus Oberösterreich und der Steiermark ergeben keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem realisierten Schallschutz - Standard und den Gesamtbaukosten. Daraus kann hergeleitet werden, dass andere Ausstattungsmerkmale die Baukosten wesentlich stärker beeinflussen als ein erhöhter Schallschutz. Dieses Ergebnis wird auch von anderen Studien gestützt. Letztlich stellt das zuvor gesagte ein wichtiges Argument dar, in neu zu errichtenden Gebäuden tatsächlich einen erhöhten Schallschutz zu realisieren, da bekannt ist, dass eine nachträgliche Beseitigung von Mängeln durch einen unzureichenden Schallschutz, wenn überhaupt möglich, dann nur zu erheblichen Kosten machbar ist.
Aus einer kleinen Stichprobe von Gebäuden in Holz-Leichtbauweise aus der Steiermark, die einerseits einen Schallschutz entsprechend den Anforderungen der ÖNORM bzw. andererseits einen erhöhten, aber nicht näher spezifizierten, Schallschutz verglichen mit den Anforderungen der ÖNORM konnte kein allgemein gültiger Trend bezüglich des Einflusses des realisierten Schallschutzes auf die Baukosten abgeleitet werden. Es darf aber vermutet werden, dass gerade bei der Holz-Leichtbauweise der Einfluss von einem verbesserten Schallschutz auf die Baukosten signifikanter ist als bei der Massivbauweise.
Was die externen Kosten von Nachbarschaftslärm betrifft, so sind diese im Gegensatz zu den anderen Umgebungslärmarten, wie Straßenverkehrs-, Schienenverkehrs- oder Fluglärm, kaum untersucht. Es liegen zurzeit lediglich einige Studien vor, die zum Teil erhebliche Zahlungsbereitschaften angeben, um der Belästigung durch Nachbarschaftslärm zu entgehen bzw. eine Verbesserung des Schalschutzes in diesem Bereich zu erzielen. Untersuchungen aus volkswirtschaftlicher Sicht, insbesondere Kosten-Nutzen-Analysen zu dieser Problematik liegen nicht vor. Hier verbleibt noch ein erheblicher Forschungsbedarf.
Allerdings scheint die Wirkung der Belästigung durch Nachbarschaftslärm im Vergleich zum restlichen Umgebungslärm bisher unterschätzt worden zu sein. Eine neuere Studie führt an, dass sich eine Belastung durch Nachbarschaftslärm in einem erhöhtem Krankheitsrisiko niederschlägt, und zeigt, dass sich Nachbarschaftslärm in seiner krank machenden Wirkung nicht von jener von Verkehrslärm unterscheidet.
Inhaltsverzeichnis
1 Die Bedeutung verschiedener Quellen von Lärmstörungen im Wohnbereich in Österreich und ausgewählten europäischen Ländern 1
2 Anforderungen an den Schallschutz in Wohngebäuden 7
2.1 Mit welchen Größen wird der Schallschutz beschrieben und welche Mindestanforderungen bestehen in den europäischen Ländern 7
2.1.1 Luftschallschutz 7
2.1.2 Trittschallschutz 11
2.2 Welche Anforderungen können ausreichenden Schutz vor Lärmstörungen durch die Aktivitäten des Nachbarn im Mehrfamilienhaus liefern? Und welche Vorschläge bestehen dazu? 14
2.2.1 Schutz gegen Luftschallübertragung 14
2.2.2 Schutz gegen Trittschallübertragung 27
2.3 Wie kann die Erfüllung der Anforderungen im Gebäude gesichert werden 35
2.4 Schallschutz in Wohnbauten in Österreich 41
3 Vorschlag für Schallschutz-Klassen für Wohngebäude 48
4 Wirkung von baulichen Maßnahmen zur Verbesserung des Schallschutzes im Wohnungsneubau 51
4.1 Wohngebäude in Massivbauweise 51
4.2 Wohngebäude in Leichtbauweise (Holzkonstruktionen) 68
5 Kosten des verbesserten Schallschutzes 76
5.1 Anteil der Baukosten an den gesamten Baukosten 76
5.2 Gesamt-Netto-Baukosten und Schallschutz in Wohngebäuden in Massivbauweise in Oberösterreich und der Steiermark 80
5.3 Gesamt-Netto-Baukosten und Schallschutz in Wohngebäuden in Holz-Leichtbauweise in der Steiermark 84
6 Stand des Wissens zur Bewertung der Wirkung von Lärmbelastungen und deren Verringerung 86
6.1 Gesundheitliche Lärmwirkungen 87
6.2 Soziale Lärmwirkungen 88
6.3 Ökonomische Lärmwirkungen – Externe Kosten des Lärms 88
6.4 Ökonomische Wirkung von Nachbarschaftslärm 93
6.5 Weiterer Forschungsbedarf 96
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